Ellis Island – Ort der Hoffnung und des Leids

071116_ellis_6In Bremerhaven aufgewachsen und nun wieder lebend, habe ich eine enge Beziehung zum Thema „Emigration“: Mehr als 7,2 Millionen Menschen verließen ihre europäische Heimat zwischen 1830 und 1976 über Bremerhaven, damit ist die Stadt der wichtigste und größte Auswandererhafen in Europa. Die meisten Emigranten zog es in die USA und so sind New York und Bremerhaven durch das Band von Leid und Hoffnung, von Ängsten und Sehnsüchten eng miteinander verbunden. Den Anfangspunkt dieses Bandes markiert das Deutsche Auswandererhaus in Bremerhaven, den Endpunkt Ellis Island in New York. Denn über die Insel mussten alle.

071116_ellis_5Annie Moore war die erste Immigrantin, die am 1.1.1892 von den Behörden in der frisch eröffneten zentralen Einreisestelle auf Ellis Island begrüßt wurde. Seit 1993 kannst du in ihr bronzenes Gesicht schauen, seitdem gibt es diese Statue. Nach ihr kamen noch rund 12 Millionen weitere. Zunächst im Hafen von New York oder an den Manhattan-Piers im Hudson ankommend, mussten die Einwanderer auf kleinere Boote umsteigen, um nach Ellis Island zu gelangen. Genau das tun heute auch die Millionen Besucher, die sich die restaurierten und renovierten Gebäude anschauen. Doch während die Einwanderer stundenlang auf der Insel anstanden, um überprüft und gesundheitlich gecheckt zu werden, findet das Warten der heutigen Besucher schon vor dem Fähranleger statt – Kontrollen wie am Flughafen dauern eben. Ich habe rund 35 Minuten gebraucht, bis ich die Fähre betreten konnte.

Doch die Prozedur lohnt sich. Die Fahrt entlang der Freiheitsstatue, durch die Bay, vor der Skyline ist an sich schon Erlebnis. Auf der Insel erwartet Dich dann dieser Anblick:

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So groß hatte ich mir das Gebäude gar nicht vorgestellt, obwohl die Lektüre zahlreicher Auswandererbiografien mich darauf hätten vorbereiten können. Doch in Kinderaugen sind Räume ja gern „riesig“. Diese hier sind es tatsächlich. So müssen die verängstigten, hoffnungsvollen, übermüdeten Passagiere den zentralen Raum in der ersten Etage, die „Registry“, beim Hochsteigen der Treppen erlebt haben:

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Überwältigend.

Voll mit Menschen, am Ende die Supervisor an Holzsekretären, die unbarmherzig über das Wohl und Weh entschieden. Es lohnt sich, alle Teile der Ausstellung anzuschauen. Der Audio Guide ist auch auf Deutsch verfügbar und erklärt in passender Länge, was man sieht. Ich habe rund 70 Minuten in dem Gebäude verbracht und dabei viel darüber gelernt, wie es den Auswanderern nach ihrer Ankunft in der „Neuen Welt“ erging.

So wunderbar am Deutschen Auswandererhaus in Bremerhaven finde ich übrigens, dass man mit dem Besuch in die Rolle eines echten Auswanderers schlüpft. Als solcher durchläuft man das Haus und damit die verschiedenen Stationen der Auswanderung. Sehr interaktiv, sehr emotional, sehr bewegend. Und nie langweilig – es gibt 18 Auswandererbiografien.

Doch auf Ellis Island wird diese Art der Vermittlung nicht angeboten, es ist ein klassisches Museum. Zunächst fand ich das schade, denn die vielen namenlosen Einwanderer bleiben anonym, wenn auch die großformatigen Bilder überall eine Menge Gesichter zeigen.

071116_ellis_4In der Registry Hall findet sich dann doch noch ein kleines Kästchen mit Biografien, wie die von diesem bekannt aussehenden Mann. Klar, erkennst Du, das ist Cary Grant. Er musste am 28. Juli 1920 die Einwanderungsprozedur über sich ergehen lassen, von der in den Räumen des Museums so viel erzählt wird.

Doch beim Gang durch das Museum wird klar, womit Ellis Island punkten kann: mit seiner Originalität. Das Gebäude ist genau so, wie es die Einwanderer nach 1911 erlebt haben. Die Böden sind wie lackiert, Zeichnungen an den Wänden zeugen von der Langeweile der Wartende und die Bilder und Ausstellungsstücke geben Einblicke in die Stunden, Tage, Wochen, die die Auswanderer hier verbrachten. Das alles berührt dann schon.

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Flucht, Auswanderung, Einwanderung – schon immer hat es die Menschen in Zeiten der wirtschaftlichen, politischen, persönlichen Not in eine vermeintlich bessere Welt getrieben. Man macht sich etwas vor, wenn man die Emigranten der früheren Tage romantisch verklärt und heutige Flüchtlinge ablehnt. Ihr meist verzweifeltes Handeln ist ebenbürtig. Amerika zeigt immer wieder, welche Kraft und welches Potenzial im Zusammenkommen der unterschiedlichsten Menschen stecken kann. New York ist das beste Beispiel. Und auch dafür liebe ich diese Stadt.

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